Bio ist nicht gleich bio
Was Bio-Siegel wirklich aussagen
Bio, regional, natürlich, kontrolliert: Auf Lebensmittelverpackungen begegnen uns viele Begriffe. Doch nicht alle haben dieselbe Bedeutung. Während „Bio“ und „Öko“ gesetzlich geschützt sind, können andere Formulierungen lediglich auf bestimmte Eigenschaften oder Herstellungsweisen hinweisen.
Wer sich für zertifizierte Bio-Lebensmittel entscheidet, kann sich auf klar definierte Regeln verlassen. Welche Anforderungen dahinterstehen und warum es unterschiedliche Bio-Siegel gibt, erklärt Mirjan Köhler, Küchenchef im Biohotel Leutascherhof.
Hallo Mirjan, woran erkennt man ein echtes Bio-Lebensmittel?
Am einfachsten erkennt man es an einem anerkannten Bio-Siegel. Innerhalb der Europäischen Union bildet die EU-Bio-Verordnung die gesetzliche Grundlage. Das EU-Bio-Logo zeigt, dass ein Lebensmittel nach diesen Vorgaben erzeugt und kontrolliert wurde.
Bezeichnungen wie „Bio“ und „Öko“ dürfen bei Lebensmitteln nicht beliebig verwendet werden. Ein entsprechend gekennzeichnetes Produkt muss von einer zugelassenen Kontrollstelle geprüft worden sein. Die Kennzeichnung enthält deshalb auch die Nummer der zuständigen Bio-Kontrollstelle.
Begriffe wie „naturnah“, „aus kontrolliertem Anbau“ oder „aus verantwortungsvoller Landwirtschaft“ bedeuten dagegen nicht automatisch, dass ein Produkt biozertifiziert ist. Sie können auf bestimmte Maßnahmen hinweisen, ersetzen aber kein anerkanntes Bio-Siegel.
Was regelt die EU-Bio-Verordnung?
Die EU-Bio-Verordnung legt verbindliche Mindestanforderungen für die biologische Landwirtschaft und die Verarbeitung von Bio-Lebensmitteln fest.
Dazu gehören unter anderem Regeln für:
- den Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln,
- die Haltung und Fütterung von Tieren,
- die Herkunft und Verarbeitung der landwirtschaftlichen Rohstoffe,
- die Verwendung von Zusatz- und Verarbeitungshilfsstoffen,
- die Trennung biologischer und konventioneller Waren,
- die Kennzeichnung und Rückverfolgbarkeit der Produkte,
- regelmäßige Kontrollen entlang der Produktions- und Verarbeitungskette.
Der Einsatz gentechnisch veränderter Organismen ist in der biologischen Produktion grundsätzlich nicht erlaubt. Auch chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und leicht lösliche mineralische Stickstoffdünger dürfen nicht nach Belieben eingesetzt werden. Maßgeblich sind die jeweils geltenden gesetzlichen Bio-Vorgaben.
Warum gibt es neben dem EU-Bio-Logo noch weitere Bio-Siegel?
Das EU-Bio-Logo kennzeichnet den gesetzlichen Bio-Standard innerhalb der Europäischen Union. Darüber hinaus gibt es Bio-Verbände wie BIO AUSTRIA, Bioland, Naturland oder Demeter.
Diese Verbände arbeiten mit eigenen Richtlinien. Je nach Organisation können diese in bestimmten Bereichen über die gesetzlichen Mindestanforderungen hinausgehen – beispielsweise bei der Führung des gesamten Betriebs, der Tierhaltung, der Fütterung, der Verarbeitung oder der Herkunft einzelner Futtermittel und Zutaten.
Die Richtlinien unterscheiden sich jedoch im Detail und werden regelmäßig weiterentwickelt. Deshalb sollte man nicht mit einzelnen, aus dem Zusammenhang gelösten Zahlen arbeiten. Wer genau wissen möchte, was ein bestimmtes Zeichen garantiert, findet die jeweils gültigen Kriterien direkt bei der Organisation.
Was zeichnet BIO AUSTRIA aus?
BIO AUSTRIA ist das Netzwerk der österreichischen Biobäuerinnen und Biobauern. Die Verbandsrichtlinien verfolgen einen gesamtbetrieblichen Ansatz: Landwirtschaftliche Mitgliedsbetriebe richten ihre Bewirtschaftung nach den geltenden BIO-AUSTRIA-Vorgaben aus.
Neben den gesetzlichen Bio-Anforderungen spielen dabei weitere Kriterien eine Rolle, die beispielsweise Tierhaltung, Fütterung, Bodenfruchtbarkeit, Kreislaufwirtschaft und den Umgang mit Betriebsmitteln betreffen.
Für uns als Hotel ist BIO AUSTRIA auch deshalb ein wichtiger Partner, weil die Organisation für eine glaubwürdige und kontrollierte Bio-Landwirtschaft in Österreich steht.
Und was bedeutet Demeter?
Demeter steht für die biologisch-dynamische Landwirtschaft. Grundlage sind die gesetzlichen Anforderungen der biologischen Landwirtschaft sowie zusätzliche verbandseigene Richtlinien.
Ein besonderes Merkmal ist der Gedanke, den landwirtschaftlichen Betrieb als möglichst geschlossenen Kreislauf zu betrachten. Dabei spielen der Aufbau und Erhalt der Bodenfruchtbarkeit, die Verbindung von Pflanzenbau und Tierhaltung sowie der Einsatz biologisch-dynamischer Präparate eine wichtige Rolle.
Auch bei Demeter gilt: Entscheidend sind nicht einzelne Werbeaussagen, sondern die jeweils gültigen Richtlinien und deren Kontrolle.
Ist ein strengeres Siegel automatisch in jeder Hinsicht besser?
So einfach ist es nicht. Die verschiedenen Bio-Siegel setzen teilweise unterschiedliche Schwerpunkte. Manche Anforderungen gehen in bestimmten Bereichen deutlich über den gesetzlichen EU-Bio-Standard hinaus.
Welches Produkt die beste Wahl ist, hängt aber auch von weiteren Faktoren ab: Was wird erzeugt? Wo und zu welcher Jahreszeit wurde es produziert? Wie wurde es verarbeitet? Welche Transportwege waren notwendig?
Ein Bio-Siegel gibt verlässlich Auskunft darüber, nach welchen Produktionsregeln ein Lebensmittel erzeugt wurde. Es sagt jedoch nicht automatisch alles über Geschmack, Transport, Klimawirkung oder regionale Wertschöpfung aus.
Was ist wichtiger: bio oder regional?
Bio und regional beschreiben zwei unterschiedliche Eigenschaften. „Bio“ steht für eine kontrollierte Produktionsweise nach festgelegten Regeln. „Regional“ beschreibt die geografische Herkunft, ist aber ohne nähere Erklärung nicht eindeutig definiert.
Ein regionales Lebensmittel ist deshalb nicht automatisch biologisch erzeugt. Umgekehrt stammt ein Bio-Lebensmittel nicht zwangsläufig aus der näheren Umgebung.
Für unsere Küche suchen wir deshalb möglichst oft nach einer Verbindung aus beidem: zertifizierte Bio-Qualität und eine nachvollziehbare Herkunft aus Tirol oder Österreich. Wenn ein geeignetes Produkt regional nicht verfügbar ist, bleibt die Bio-Zertifizierung unser grundlegendes Einkaufskriterium.
Wie setzt der Leutascherhof das in der täglichen Küche um?
Im Leutascherhof verwenden wir zertifizierte Bio-Lebensmittel und lassen unsere Küche regelmäßig kontrollieren. Beim Einkauf achten wir zusätzlich auf Saison, Herkunft, Qualität und verlässliche Partnerschaften.
Unser erster Blick gilt geeigneten Produkten aus Tirol. Danach suchen wir in anderen Regionen Österreichs. Was hier nicht wächst oder nicht in ausreichender Bio-Qualität verfügbar ist, beziehen wir von sorgfältig ausgewählten Bio-Lieferanten aus anderen Herkunftsgebieten.
Dass Kaffee, Kakao, Gewürze oder Südfrüchte nicht aus Tirol stammen können, ist selbstverständlich. Für uns bedeutet ein ehrlicher Umgang mit Regionalität deshalb, die Herkunft nicht schöner darzustellen, als sie tatsächlich ist.
Was haben die Gäste von einer zertifizierten Bio-Küche?
Vor allem Klarheit und Verlässlichkeit. Unsere Gäste müssen nicht bei jedem Gericht nachfragen, ob die verwendeten Lebensmittel aus biologischer Landwirtschaft stammen. Die Bio-Zertifizierung schafft dafür einen nachvollziehbaren Rahmen.
Hinzu kommen für uns der enge Kontakt zu vielen Lieferbetrieben, ein bewusster Umgang mit saisonalen Produkten und eine Küche, die den natürlichen Charakter der Zutaten in den Mittelpunkt stellt.
Bio ist für uns deshalb kein einzelnes Werbeversprechen. Es ist eine kontrollierte Grundlage unserer täglichen Arbeit.
Lieber Mirjan, vielen Dank für das Gespräch!
Kurz zusammengefasst
- „Bio“ und „Öko“ sind bei Lebensmitteln gesetzlich geschützte Begriffe.
- Das EU-Bio-Logo kennzeichnet die Einhaltung der gesetzlichen EU-Bio-Vorgaben.
- Anerkannte Bio-Verbände können zusätzliche Anforderungen festlegen.
- Die konkreten Kriterien unterscheiden sich je nach Verband und Produktbereich.
- „Regional“ bezeichnet die Herkunft, ist aber kein Ersatz für eine Bio-Zertifizierung.
- Im Leutascherhof verbinden wir zertifizierte Bio-Qualität nach Möglichkeit mit saisonalen Produkten und nachvollziehbarer Herkunft aus Tirol und Österreich.
